O’Higgins- oder Dividendenstrategie
Der Deutsche Aktienindex (DAX) erzielte seit der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts eine durchschnittliche jährliche Rendite von 10 bis 12 Prozent. Mit einer Stunde Arbeit im Jahr Können Sie die DAX-Unternehmen mit den größten Potenzialen herausfinden und damit die DAX-Rendite schlagen. Hierfür entwickelte der Amerikaner Michael O’Higgins ein System, mit dessen Hilfe die Rendite-Überflieger identifiziert werden Können. Auswertungen der Zahlen der letzten Jahrzehnte zeigen, dass die Strategie langfristig sowohl in Amerika als auch in Deutschland aufgeht.
Aktiengesellschaften schütten einmal im Jahr einen Teil ihres Gewinns aus (in schlechten Jahren kann diese Ausschüttung auch bei Null liegen). Im Wirtschaftsjargon wird diese Ausschüttung als Dividende bezeichnet. Wenn Sie die Dividende eines Unternehmens durch den Kaufpreis einer einzelnen Aktie dividieren, so erhalten Sie die Dividendenrendite. Beispielsweise hätte ein Unternehmen mit einer Dividende von 2,50 Euro und einem Börsenkurs von 100 Euro eine Dividendenrendite von 2,5 Prozent. Dieses Zahlenbeispiel ist gar nicht mal besonders unrealistisch. Bei den DAX-Werten liegen die Dividendenrenditen zur Zeit zwischen 0 und in der Spitze bis zu über 4 Prozent.
Dividendenzahlungen hängen von der Wirtschaftslage des Unternehmens ab. Oft lassen sie sich zumindest in etwa im Voraus durch Analysten abschätzen, wenn die Wirtschaftslage des Unternehmens bekannt ist. Aber Dividenden machen nur einen kleinen Teil der Gesamtrendite von Aktien aus, die historisch betrachtet ja immerhin bei 10-12% liegt.
Die Schritte der Dividendenstrategie
- Kaufen Sie sich eine Börsenzeitung.
- Erstellen Sie eine Tabelle für die 30 DAX-Werte.
- Finden Sie die Höhe der Börsenkurse und Dividendenzahlungen heraus und tragen Sie diese in die Tabelle ein.
- Ermitteln Sie die Dividendenrenditen: teilen Sie einfach die Höhe der Dividendenzahlung pro Aktie durch den aktuellen Börsenkurs.
- Vergeben Sie Rangnummern für die Dividendenrenditen (1 = höchste Rendite, 30 = niedrigste Dividendenrendite). Bei einer hohen Dividendenrendite (oder einem niedrigen Kurs-Dividenden-Verhältnis) ist die Aktie in Bezug auf ihre Dividendenausschüttung “billig”. Bei der O’Higgins-Strategie setzen Sie auf solche “billigen” Aktien.
- Vergeben Sie umgekehrte Rangnummern für die Börsenkurse (1 = niedrigster Börsenkurs, 30 = höchster Börsenkurs).
- Suchen Sie die 10 Werte mit der höchsten Dividendenrendite heraus. Dies sind die Zugpferde des DAX. Wenn Sie die Zugpferde halten, profitieren Sie dabei zusätzlich zum üblichen Aufwärtstrend der Börse auch noch von der Aufholjagd Ihrer Werte. Zwischen 1961 und 1997 brachten die Zugpferde eine durchschnittliche Rendite von 10,9 Prozent ein. Ein Blick auf die Zahlen nach den schlechten Börsenjahren in den 70ern und 80ern dürfte Ihr Anlegerherz höherschlagen lassen: Zwischen 1981 und 1997 lag die Rendite im Mittel bei 18,6 Prozent.
Hier sind wir aber noch nicht am Ende. Es ist für den Anfänger nicht ratsam, 10 verschiedene Aktienwerte zu kaufen. Außerdem zeigt der nächste Schritt, dass sich Ihre Rendite sogar verbessert, wenn Sie nur fünf Aktien kaufen.
Schritt 8: Nehmen Sie von den zehn Zugpferden die fünf Werte mit den niedrigsten Preisen. Dies sind die O’Higgins-Aktien. Sie sind nicht nur relativ billig (Kurs-Gewinn-Verhältnis), sondern auch absolut (Börsenkurs). Wenn Sie diese Aktien von 1961-1997 gekauft hätten, wären Sie bei einer Rendite von 11,9% gelandet, von 1981-1997 sogar bei erstaunlichen 22%!
Schritt 9: Schlafen Sie ruhig. Packen Sie die Börsenzeitung erst ein Jahr später wieder aus. Überprüfen Sie, ob Sich etwas an der Zusammensetzung nach O’Higgins geändert hat (Kurse und Dividendenzahlungen verändern sich). Wenn sich eine Veränderung ergeben hat, vollziehen Sie diese in Ihrem Portfolio von fünf Werten nach.
Erklärungen zur Dividendenstrategie
Gibt es für diese erstaunlichen Renditezahlen (bei einer solch einfachen Strategie) eine Erklärung? Für Michael O’Higgins ist eine hohe Dividendenrendite ein Anzeichen dafür, dass es Zweifel an den kurzfristigen Aussichten des Unternehmens gibt. Hintergrund ist eine Überreaktion des Publikums auf negative Meldungen, wodurch der Kurs stark fällt. Die Börse hat eben viel mit Psychologie zu tun. Nach kurzer Zeit erholen sich die Kurse aber zumeist wieder. DAX-Unternehmen werden selten so stark angeschlagen, dass sie ganz von der Bildfläche verschwinden. Es handelt sich hier schließlich um Unternehmen mit Zehntausenden von Mitarbeitern, Milliardenumsätzen und oft Hunderten von Geschäftsfeldern. Selbst wenn es einem Geschäftsbereich einmal schlecht geht, gerät das Unternehmen nur schwer aus dem Fahrwasser. DAX-Unternehmen sind Supertanker - nicht sehr schnell, aber praktisch nicht zu stoppen.
Dennoch muss die Strategie nicht in jedem Jahr Renditen von 15% - 20% erbringen. Es kann sogar Jahre geben, in denen Ihr Portfolio am Jahresende weniger Wert ist, als am Anfang. Nur wer die Strategie Jahr für Jahr stur durchhält, ohne sich beirren zu lassen, kann sicher sein, dass er die entsprechenden Renditen erzielt. Auch im Crash. Durchhalten! Niemand kann sagen, wann die Börse wieder dreht. Und dann auf den fahrenden Zug aufzuspringen, wäre eindeutig zu spät.
Warum schlagen die O’Higgins-Aktien die Zugpferde? Werte mit niedrigerem Preis unterliegen oft prozentual größeren Schwankungen (Börsendeutsch: sie haben eine höhere Volatilität). Eine 2-Euro-Kursveränderung macht bei einem 200 Euro-Titel gerade einmal einen Prozentpunkt aus, während sie bei einem Preis von 50 Euro ganze 4 Prozent ergibt. Der Trend nach oben, fällt deswegen stärker ins Gewicht. Rational gibt es dafür keine Erklärung - außer, dass vielleicht mehr Kleinanleger diese Aktien kaufen. Aber die Börse besteht nun einmal auch aus viel Psychologie. Mit der O’Higgins-Strategie machen Sie sich diese Psychologie zunutze, ohne dass Sie darauf hereinfallen.
Die O’Higgins-Strategie empfiehlt sich für Investoren, die nicht nur einfach Aktien oder Fonds kaufen wollen, sondern den DAX schlagen. Gleichzeit ist es eine mechanische Anlagestrategie, die nur einmal im Jahr etwas Arbeit erfordert. Wichtig ist aber die Disziplin, den Ansatz auch durchzuhalten.
Nachdem Sie die obige Auswertung gemacht haben, Können Sie sich mit einem Discount-Broker (siehe Schritt 9) in Verbindung setzen und die Titel in der entsprechenden Höhe ordern. Nach einem Jahr ist es notwendig, zu überprüfen, ob sich die Liste der O’Higgins-Aktien verändert hat, um gegebenenfalls ihre Zusammensetzung zu ändern. Schauen Sie, dass jeder Wert zwischen 15% und 25% Ihres gesamten Aktienportfolios ausmacht. Ideal wäre ein Anteil von 20%, aber bei kleineren Abweichungen lohnt sich ein Wechsel nicht, da die erhöhte Renditechance dann von den höheren Gebühren (durch eine zusätzlich Transaktion) weggefressen wird.
Alles in allem dürfte die ganze Prozedur mit rund einer Stunde Aufwand im Jahr zu machen sein. Den Rest erledigt die Börse.
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